Wie Wien mit dem Kulturerbe „Wiener Heuriger“ umgeht

07.09.2015 | Nachrichten

Bauernbund-Spitzenkandidat Norbert Walter kämpft mit der Familie Kierlinger um die Existenz des familieneigenen Heurigenbetriebs

Ein Leserbrief zeigt, dass die Wiener Stadtregierung die Heurigenorte „links“ liegen lässt. „Mit aller Vehemenz werden wir um den Fortbestand einer der letzten traditionsreichen Heurigen – seit 1787 in Besitz der Familie Kierlinger – in Nussdorf kämpfen“, betont Bauernbund-Spitzenkandidat Norbert Walter und fügt hinzu: „Der Gang zum Verwaltungsgerichtshof scheint unausweichlich und der Wiener Bauernbund wird die Familie Kierlinger voll unterstützen.“ „Wenn wir uns nicht durchsetzen, entstehen am Ende austauschbare Touristen-Ghettos, Wien verliert seine identitätsstiftenden Heurigenorte – und die ortsansässigen Weinbau- und Heurigen-Betriebe ihre Lebensgrundlagen“, so Walter abschließend.

LESERBRIEF:
Wir, die Familie Kierlinger, sind eine der letzten Winzerfamilien von Döbling-Nussdorf. Der Fortbestand unseres seit Jahrhunderten bestehenden Weinbau- und Heurigenbetriebes ist nun von einem Bauprojekt bedroht (Zahnradbahnstraße 13A, 1190 Wien), das sich in unmittelbarer Nähe in einer Schutzzone – inmitten alter Winzerhäuser – befindet. Es besteht aus drei Häusern, wobei insbesondere das überdimensionierte Mittelhaus mit seiner Gebäudehöhe von 15,85 Metern (Glausaufbau und zwei Dachgeschosse) keinesfalls in unser Ortsbild passt. Außerdem sind durch die zu unserem Gastgarten gerichteten Terrassen, Balkone und Fenster betriebliche Beeinträchtigungen durch Anrainerbeschwerden zu befürchten. Die Petition „Rettet Nussdorf“, die mit mehr als 2200 Unterschriften im Wiener Petitionsausschuss eingebracht wurde, erbrachte keine Lösung. Zahlreiche Politiker zeigten sich bereits vom überdimensionierten Bauvorhabens entsetzt: ebenfalls ohne Konsequenzen. Die Bebauungsbestimmungen in Schutzzonen schützen gar nichts und aus alten Winzerdörfern werden austauschbare Stadteile in irgendeiner Großstadt. Überall in Döbling schießen moderne Luxusbauten aus dem Boden, Wohnungen, die für die meisten Bürger nicht leistbar sind. Viele Jungfamilien ziehen weg und aus alten Winzerdörfern werden Luxusschlafstätten. Wir fordern, dass unserem alten Weinbau- und Heurigenbetrieb in Zeiten von Kapitalismus und Spekulationen eine Chance gegeben wird, und wir nicht dafür bestraft werden, dass wir unsere Grundstücke und unsere Tradition aufgrund der hohen Grundstückspreise nicht an irgendwelche Bauträger verkaufen, die nur am Gewinn und nicht an einer schönen, lebenswerten Stadt interessiert sind. Wir brauchen politische Rahmenbedingungen, die uns überleben lassen, die aktuelle Stadtpolitik leistet Sterbehilfe. Immobilien-Spekulationen beenden.